Auffassung zur mittelalterlichen Darstellung

Warum man heute kein genaues Abbild des Frühmittelalters mehr darstellen kann:

Eine historische Darstellung, die 1 zu 1 ein Abbild des Frühmittelalters widerspiegelt, gibt es nicht.
Es gibt keine sogenannte "A"- Darstellung (“A”=”authentisch”).

Die Gründe liegen hierzu auf der Hand: Klima, Pflanzen- und Tierwelt haben sich grundsätzlich geändert. Die heutigen Pflanzen- und Haustierzüchtungen gab es damals noch nicht, z. B. war ein Hausrind von damals im Schnitt nur etwas größer als die heutigen großen Schafrassen.

Die Plätze, auf denen die Lager aufgebaut werden, spiegeln meist auch nicht gerade die Vergangenheit wieder. Selbst die Gräser, die dort wachsen, haben nichts mit den damaligen Wildgräsern gemein.
Davon abgesehen, würde niemand die Zelte so wie auf den Veranstaltungen in der Reihe - besuchergerecht - aufbauen. Gerade Besucher waren damals eher unerwünscht. Reisende bauten ihr Lager sicher nicht auf der Wiese auf, wo es für Diebesgesindel weithin sichtbar ist. Der Arbeitstag ging meist von Sonnenauf- bis untergang, der mit Arbeit verbracht wurde und bestand nicht im herumsetzen und präsentieren.

Niemand will auch nur eine Woche nach damaligen Hygienestandard leben und auf Toilettenpapier und andere Annehmlichkeiten verzichten. Insbesonders, wenn Kleinkinder oder Tiere mit im Lager untergebracht sind, kann es fatale Folgen haben und wäre sehr leichtsinnig und Unfug, auf bestimmte Dinge der Gegenwart zu verzichten.

Wie die Bestätigung von manchen Aufbauten auf unseren Antrag beim Kultusministerium zeigt,ist unsere Darstellung auch dafür geeignet, Wissen anschaulich “zum anfassen” als Bildungsprojekt weiterzugeben. Natürlich bauen wird dann möglichst historisch auf, wir können jedoch auch anders aufbauen, wenn darauf nicht der Wert gelegt wird.

Wir geben den Besuchern auf Anfrage immer Auskunft über Dinge, über die Nachweise existieren und sogenannte “Lückenfüller” über die es keine Funde gibt.
Man muss bedenken, dass aus unserer Darstellungszeit, das 7. Jahrh., leider nicht mehr soviel überliefert und gefunden worden ist.

Wie man dennoch Informationen des Frühmittelalters weiter geben kann:

Grundsätzlich gibt es verschiedene Möglichkeiten, etwas dem Interessierten aus der Vergangenheit nahezubringen. Einige sollen hier genannt werden:

Informationen können natürlich in Wort und Bild vermittelt werden. Über einem Gespräch, einem Buch, einer Filmdokumentation kann man schon Einiges erfahren. Auch kann man  ins Museum gehen. Niemand, der eine historische Darstellung betreibt, also etwas aus der Vergangenheit darstellen will, kommt daran vorbei. Es sind oft viele Stunden Arbeit notwendig, bis man sich relativ sicher sein kann, etwas zu ergänzen oder sich zu bestimmten Dingen zu entscheiden.

Jedoch auch ein Theaterstück, eine künstlerische Übersetzung der Vergangenheit, kann etwas über die Vergangenheit vermitteln. Auch wenn die Requisiten den echten meist nur ähneln, kann eine solche Vorführung mehr über Gefühle Ansichten oder Lebensauffassung vermitteln, als es ein Lager jemals könnte. Andererseits spielt man im Lager ja auch eine Rolle oder eine bestimmte Geschichte.

Keine Darstellung ist also ein hundertprozentiges Abbild des Frühmittelalters. Es liegt an der Phantasie und der Intelligenz des  Betrachters und nicht zuletzt an seinem Interesse, sich selbst ein Abbild aus verschiedenen gezeigten Darstellung zusammenzusetzen um sich so eine möglichst konkrete Vorstellung der Vergangenheit machen zu können.

So wie es unsinnig wäre, die Kunststoffröhren, Telefone, Kleidung der Museumsmitarbeiter und sonst die ganze Technik in einem Museum für Frühgeschichte zu verbieten, weil das ja die Vorstellungen des Frühmittelalters stören könnte, gibt es auch für uns gewisse Grenzen, wo wir an den Verstand und der Phantasie des Betrachters appellieren. Nicht zuletzt sind uns auch Grenzen durch Zeit und Geld gesetzt, denn wir bekommen ja keine Fördermittel, sondern müssen unsere Ausrüstung, deren Wert der Besucher oft gar nicht erkennt, selbst in der beruflichen  Arbeit erwirtschaften. Vieles können wir nicht selbst herstellen und Sonderanfertigungen, z. B. von Damastwaffen, geschmiedete Äxte, haben ihren Preis.

Wir sprechen bei unserer Darstellung von einer historischen Darstellung, weil wir die uns zur Verfügung stehenden Informationen aus Literatur und Museen, soweit es machbar ist und zu unserer Darstellung passt, umsetzen und im Lager realisieren. So entsteht eine für den interessierten Besucher kleine Abbildung eines Ausschnittes aus früheren Zeiten, welche er als Information, zusammen mit Bildern z. B. der Fundstücke auch nutzen kann. Aber auch für Kinder (und nicht nur sie) ist es interessant mal ein Bärenfell anzufassen und mit Wildschwein, Schaf oder Fuchs zu vergleichen. Wir behalten uns jedoch auch vor auf “Phantasie”-Märkten, passende Phantasieprodukte (wie z. B. Fackeln) mit zu etablieren über welche wir bei Nachfragen den Besucher unterrichten.

Andere Darstellungsarten

Es gibt auch Lager mit ähnlichen Lagerleben, deren Darstellungsziel jedoch ein anderes ist.

So gibt es reine Phantasielager, die frei nach eigener Phantasie in einer Märchen- u. Sagenwelt mit mittelalterlichem Stil leben oder auch Lager, die möglichst genau eine bestimmte Sagengeschichte aus Romanen oder Filmen darstellen, die nicht minder aufwendig und interessant wie eine historische Darstellung sind und dem Besucher die Möglichkeit geben, eine zuvor im Film gesehene Rolle mal live zu sehen.

Wir haben auch schon solche Lager als Nachbarn kennengelernt und es sind meist angenehme Zeitgenossen.

Wir fühlen uns mit allen Lagern, gleich ob historische oder Phantasiedarstellung verbunden, weil wir trotz des unterschiedlichen Darstellungszieles eine ähnliche Lebensweise im Lager pflegen und auf ähnliche Weise unsere Freizeit verbringen.
Außerdem gehört ein freundliches Wesen und eine gute Nachbarschaft zu unserem Gebaren, wenn dies vom Nachbarn erwidert wird.

Glauben wir das, was wir darstellen, andere Meinungen

Bei einer guten Darstellung, wie z. B. ein Frühmittelalterlager passen die Darsteller mit Kleidung, Ausstattung etc. zum Lager.  Wie eben die Besitzer historischer Autos oder Kutschen sich entspr. kleiden und das eben hobbymäßig in der Freizeit gemacht wird, machen es die Mittelalterdarsteller auch.
Die Darsteller spielen in ihrem Lager eine Rolle, die genau wie die Ausstattung zu ihrem Freizeithobby gehört.

Unter den Darstellern fragt niemand nach Glauben, Abstammung, Herkunft, Alter oder Geldbeutel. Das gemeinsame Interesse an der Darstellung verbindet alle. Wie überall gibts natürlich auch hier Ausnahmen. Wir sind ihnen aber bisher noch nicht begegnet.

Manche Besucher denken auch schon mal, das die Darsteller das ganze Jahr so aussehen und auch feste Behausungen meiden. Mancher kann sich kaum vorstellen, dass ein guter Freund, mit dem ich zum Pestumzug Leichen getragen habe, Anästesiearzt im wirklichen Leben ist, wie auch alle anderen Darsteller im wirklichen Leben - genau wie die Freunde anderer Hobbys - aus allen Glaubens- und Berufsgruppen kommen. Also hinkt auch der Vergleich mit “dem fahrenden Volk”. Im wirklichen Leben sind sie Ärzte, Bänker, Polizisten, Handwerker, Freischaffende, Studenten usw.. Diese Darsteller haben aus den verschiedensten Beweggründen heraus dieses Hobby für sich entdeckt, was sehr vielseitig ist, denn man muss ja das Gelesene oder im Museum Erfahrene übers Mittelalter auch umsetzen können. Hierzu gehört schon Einiges an Umsetzungsvermögen und handwerkliches Geschick und auch Finanzen.
Da denkt z. B. mancher Gast nicht, dass ein einfacher Tonteller extra für die Darstellung von einem Meistertöpfer angefertigt wurde, was nicht ganz billig ist.


Entgegen der Vorstellungen mancher Besuchergibt es auch kaum Darsteller, die am liebsten im Mittelalter leben würden. Niemand von den Darstellern möchte für längere Zeit auf die heutigen Annehmlichkeiten des Lebens verzichten, insbesondere auf die höhere Sicherheit, die bessere gesundheitlichen Bedingungen usw..

Manche Leute fragen sich auch, warum man gerade das so finstere unmenschliche Mittelalter mit den Grausamkeiten darstellen müsse. Sie werden dann allerdings sehr ruhig, wenn man auf diese heute so menschenfreundliche und demokratische Welt hinweist und Vergleiche bringt.

Hier nur mal den Gedanken, dass jede Stunde ca. 25.000 Kinder (manche Statistiken weisen mehr aus) in der heutigen so schönen Welt verhungern...
Auch bei den früher und heute stattfindenden Kriegen, die früher wie heute doch überwiegend aus wirtschaftlichen oder Glaubensinteressen und nicht aus Nächstenliebe geführt werden, würde die Gegenwart auch nicht gut davon kommen.

Zwei Dinge haben sich eben kaum geändert:
Menschen ohne Lobby haben wenig Chancen. Wirtschafts- Macht- und Glaubensinteressen mit ihren Auswirkungen von Krieg, Unterdrückung und Ausbeutung haben die Welt schon immer regiert.